Als ich zum ersten Mal zweck des Studiums nach Trier kam, war die Rede von einer japanischen Studentin Mutsuko Ayano, die auf dem Petrisberg Opfer eines brutalen Raubüberfalls wurde. Später wurde ein Gedenkstein am Tatort errichtet und auch eine Straße in Petrisberg-West nach Mutsuko Ayano benannt. In kurzer Zeit bekam ich ein Zimmer im Studentenwohnheim in Tarforst, von wo ich mit dem Fahrrad in 5 Minuten Petrisberg erreichen konnte. Ich konnte sogar die Weinberge am Hang des Berges vom Balkon aus sehen.
In meinen Erinnerungen sind auch festgehalten, dass ich während der ganzen Studienzeit jede Woche im Frühjahr und Herbst – und meistens mit den linksorientierten Kommilitonen – zum Petrisberg spazieren ging und beim Spaziergang durch die Weinberge über die Weltpolitik diskutierte oder wenn ich ganz allein war, saß ich irgendwo mit dem Ausblick auf die Stadt außerhalb der Militärzone und las aus dem Gedichtband von Sezai Karakoç.
Zeuge der Zeit
Sehr oft soll der Berg den Namen gewechselt haben. Bis1823 wurde sie als Martinsberg bezeichnet. Heute nennt sie aber jeder, der nicht weiter nachdenkt, Petersberg. Dabei denkt er wohl an den heiligen Petrus, der in Trier schon oft seinen Namen hergeben musste. Am Peterstage erscheint auf dem Viehmarkt die Petersmesse. In den Kurfürstlichen Palast gelangte man durch das Peterstor. Das Stadtwappen zeigt den heiligen Petrus. Der Name war jedem Trierer also sehr geläufig. Darum veränderte er den richtigen Namen, der Petrisberg lautet. Petri hieß der erste Besitzer des Kaffeehauses am Abhang des Berges an der Ostseite der Stadt. Von ihm hat dieses Haus den Namen ‘Cafe Petrisberg’ erhalten. Sodann wurde dieser Name auf die Höhe selbst übertragen. Der Berg heißt richtig Petrisberg. Für die römische Zeit nimmt man an, dass der Berg nach dem Kriegsgott Mars benannt war.
Der Petrisberg befindet sich auf einem Plateau, von dem aus man die Trierer Talweite überblicken kann. Von dort oben hat man einen Panoramablick auf das Trierer Moseltal. Daher kam dieses Gebiet auf Grund seiner strategischen Lage für die Anlage eines römischen Militärlagers infrage.
Es wird angenommen, dass das frührömische Militärlager im Zusammenhang mit dem Aufstand der Treverer im Jahr 29 vor Christus stand. Es gilt daher als ältestes Militärlager der Römer in Deutschland.
Im Zweiten Weltkrieg befand sich auf dem Petrisberg das berüchtigte Kriegsgefangenenlager Stalag XII D, dessen bekanntester Gefangenen der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre (1905-1980) war. Nach dem Krieg wurde aus der Stalag XII D das “Quartier Belvedère”. Über 40 Jahre, durch die französische Armee bis 1998 genutzt und um das Militärhospital “André Genet” ergänzt, waren dort französische Soldaten ein tägliches Bild. Nach dem Abzug der französischen Armee wurde hier im Zuge der Landesgartenschau 2004 ein neues Stadtviertel mit der Jean-Paul-Sartre Promenade verwirklicht: Neue Kürenz.

Als der 2.Weltkrieg ausbrach, wurde Sartre als Meteorologe zum Militärdienst eingezogen. Juni 1940 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Bis März 1941 ist er im Trierer Lager Stalag XII D auf dem Petrisberg untergebracht. Wie bedeutsam diese Zeit für ihn war, bezeugt sein autobiografisches Werk „Die Wörter“. Dort heißt es: “…das dunkle Bewußtsein von der Gefahr des Menschseins … habe ich nur im Jahr 1940 wiedergefunden, im Gefangenenlager Stalag XII D.”
Wo heute ein neues Wohngebiet entstanden ist, befand sich während des Zweiten Weltkriegs ein mit Stacheldraht und Wachtürmen umgebenes Barackenlager für bis zu 25 000 Gefangene, deren Mehrzahl jedoch in der Landwirtschaft, der Industrie oder im Straßenbau zugeteilt war, so dass viele außerhalb des Stammlagers übernachteten. Zur Freude Sartres gab es hier eine Bibliothek mit 16 000 Bänden, wo er sich Heideggers „Sein und Zeit“ verschaffte. Während seiner Gefangenschaft im Stalag XII D konnte er seine abgebrochenen Heidegger-Studien fortsetzen. 1940 schrieb Sartre in seinem Tagebuch: Der Einfluss Heideggers „ist mir in letzter Zeit manchmal
schicksalhaft vorgekommen, da er mich die Authentizität und die Geschichtlichkeit genau in dem Augenblick gelehrt hat, als der Krieg mir diese Begriffe unerlässlich zu machen drohte. Wenn ich mir vorzustellen versuche, was ich ohne diese Werkzeuge mit meinem Denken angefangen hätte, bekomme ich nachträglich Angst. Wie viel Zeit habe ich gewonnen.“
Eigentlich war Sartre schon einmal in Deutschland gewesen. Im Herbst 1933 ging er für ein Jahr als Stipendiat an das Institut français in Berlin. Die Politik interessierte ihn nur am Rande, die gerade erfolgte Machtübernahme Hitlers hielt er, wie viele linke Intellektuelle, für einen vorübergehenden Spuk. In diese Zeit fiel aber auch seine erste Heideggerlektüre. Nach der Rückkehr schrieb Sartre: ”Ich habe mit Heidegger begonnen und 50 Seiten gelesen, aber sein schwieriges Vokabular stieß mich ab”. 1938 war Sartres erster großer Roman, vielleicht sein größter, „Der Ekel“ erschienen. Über ihn schrieb er 1939: ”Mein Roman ist ein husserlianisches Werk, und das ist ein bisschen peinliche, wenn man ein Zelot [also ein Glaubenseiferer] Heideggers geworden ist”. Dies war die Anzeige seiner Wende von Husserl zu Heidegger.
Wendepunkt seines Lebens

Sartre verbrachte neun erfahrungsreiche Monate in Trierer Lager und beschreibt die relativ humanen Zustände in „Matthieus Tagebuch“. Er verfasste hier auch sein erstes politisches Theaterstück „Bariona oder der Sohn des Donners“, das bei der Weihnachtsfeier der Häftlinge aufgeführt wurde. Er fand inmitten seiner im Elend vereinten Kameraden eine “Form des kollektiven Lebens”, die er seit den Studententagen an der École Normale Supérieure nicht mehr gekannt hatte. Er genoss “das Gefühl, Teil einer Masse zu sein”. Der Krieg habe sein Leben zweigeteilt, erklärte Sartre 1975 in seinem „Selbstporträt eines Siebzigjährigen“, damals habe der Wechsel vom “Individualismus und dem reinen Individuum zum Gesellschaftlichen” stattgefunden. Seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir bestätigte, die Kriegsgefangenschaft habe den Denker “die Solidarität” gelehrt. Sartre sei ins Lager als Individualist gekommen, behauptet auch sein Biograph Lévy, die Idee des Kollektivs sei ihm bis dahin wie ein finsteres Instrument der Unterdrückung erschienen. In die Freiheit entlassen wurde er als Umerzogener, bekehrt zu den “Werten der Gemeinschaft”: ein Wandel, der auf unheimliche Weise der marxistischen Vision vom neuen Menschen entspricht.
Es ist nicht übertrieben, wenn man – ausgehend von seinen Tagebüchern – behauptet, dass der Bruch zwischen dem jungen und dem alten Sartre im Kriegsgefangenenlager bei Trier 1940 vollzogen ist. Sartre selbst hat sich entsprechend erklärt: Im und durch den Krieg entdeckt der ursprünglich Ich-Einsame sein soziales Wesen und die politische Dimension seiner Verantwortung.
Kurz nach seiner Entlassung aus der deutschen Kriegsgefangenschaft erscheint sein Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“(1943). Und die Verbindungslinien zwischen Heidegger und Sartre sind präsent. Wesentliche Gedanken gehen auf Heidegger zurück. Es ist im gewissen Sinne eine philosophische Übertragung des deutschen Existenzdenkens in den französischen Existenzialismus.
1945 kommt es dann beinahe zu einer persönlichen Begegnung. Heideggers Situation ist damals bedrückend; wegen seines Engagements für Hitler hat er Lehrverbot, es läuft ein Verfahren gegen ihn. In dieser Zeit fand Heidegger die Gelegenheit „Das Sein und das Nichts“ zu lesen. Er scheint sehr angetan. Es soll nun ein Treffen zwischen beiden Denkern arrangiert werden; Es scheitert aber an praktischen Problemen. Heidegger schreibt dann am 28. Oktober 1945 einen außergewöhnlichen Brief an Sartre: ”Hier begegnet mir zum erstenmal ein selbständiger Denker, der von Grund aus den Bereich erfahren hat, aus dem heraus ich denke. Ihr Werk ist von einem so unmittelbaren Verstehen meiner Philosophie beherrscht, wie es mir noch nirgends begegnet ist.” Und er schließt den Brief mit der Wendung: ”Ich grüße Sie als Weggenossen und Wegbereiter.” Ein Tag nach dem Brief hält Sartre seinen berühmten, unheimlich wirkungsvollen Vortrag: „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“, der viel zur Popularisierung seiner Philosophie beitrug. Ein Jahr später erscheint Heideggers Antwort auf Sartre und stellt eine Art philosophischen Bruch zwischen den beiden dar.
Das Für-sich ist für Sartre nicht einfach Erscheinung eines Seins, sondern „Entwurf“. Heidegger sprach von „Geworfenheit“ als Grundcharakteristika menschlichen Daseins. Menschliches Sein ist nach Sartre also Entwurf eigenen Seins. Wir gehen nicht in unserem momentenan So-Sein auf, sondern wir entwerfen uns auf eine Zukunft hin. Wir haben Möglichkeit, wir haben die Wahl, wir können uns auch kritisch uns selbst gegenüber verhalten, müssen nicht einfach in ruhiger Harmonie und Selbstgenügsamkeit mit uns übereinstimmen.
Epilog
Im ehemaligen Militärhospital befindet sich heute der Campus II der Universität Trier mit den Fachbereichen Geographie, Informatik und Wirtschaftsinformatik. Im Zuge der Konversion wurde ein großer Teil der ehemaligen Kasernengebäude abgebrochen, wo jetzt auch ein neues Studentenwohnheim entstanden ist: Maison Sartre.

Alaattin DİKER

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